13 August 2020

Mein Senf. Dein Senf. 2020 – das Jahr der Wahrheiten?

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Ich glaube, noch nie zuvor wurde so viel Meinung in einen (virtuellen) Ort hineinkommuniziert wie in die sozialen Netzwerke in den letzten Monaten. Was macht das eigentlich mit uns? Und wie hält man Kontroversen besser aus? Und Beleidigungen oder Anschuldigungen? Wohin mit dem eigenen Senf? Dazugeben oder besser stecken lassen? Und wozu überhaupt insgesamt so viel Senf?

Apropos Senf: Ich liebe Kommunikation fast mehr noch als Essen. Vier Wochen ohne Essen ist kein Problem, vier Wochen ohne Kommunikation (im Sinne von Sprechen) finde ich schon herausfordernd. Kann man vier Wochen ohne eine Meinung sein? Vermutlich nicht, weil der Verstand Schwierigkeiten damit hat, Ereignisse nicht zu deuten und zu bewerten. Man entwickelt unweigerlich einen Standpunkt zu Ereignissen, was ja auch kein Problem ist. Im Gegenteil: in einer Demokratie im Speziellen und zwischen Menschen im Allgemeinen ist das ja dienlich. Durch eine Haltung können Absichten erkennbar werden, was der Orientierung dient. Und aus einer Haltung heraus treffen wir Entscheidungen und gestalten damit unser Zusammensein.

Die Herausforderung fängt an, wenn darum gekämpft wird, wer die RICHTIGE Meinung im Gepäck hat und wenn der eigene Senf so vehement als die Wahrheit angepriesen wird, dass andere ihn dringend kaufen SOLLEN. Für diesen Zweck werden nicht nur sachliche und wertschätzende Argumentation, sondern allerlei weitere Stilmittel eingesetzt: die anderen für idiotisch oder inkompetent erklären, einen Täter ausfindig machen, sich selbst als armes Opfer präsentieren, Informationen verdrehen oder weglassen, um ein bestimmtes Narrativ aufzubauen, Beleidigung raushauen, offene und subtile Entwertung, Aggression, Heuchelei, Scheinheiligkeit und Senf, Senf, Senf, viel Senf.

Bevor ich weitermache, ein wichtiger Hinweis: Du musst meinen Senf hier nicht gut finden und auch nicht kaufen. Er ist „for free“ wie man im Facebook-Funnel-Jargon sagt 🌭😄

Ein spanischer Moralphilosoph namens Baltasar Gracian hat im 17. Jahrhundert übrigens folgenden Senf von sich gegeben, den ich treffend finde:

Man verliert mehr durch ein halsstarriges Behaupten, als man durch den Sieg gewinnen kann; denn das heißt nicht ein Verfechter der Wahrheit, sondern der Grobheit sein.

Ich finde es tatsächlich teilweise grob und verroht, wie kommuniziert wird. Wahrscheinlich, weil die Kommunikation in ein Gerät hineingetan wird und die Bewusstheit dafür fehlt, dass auf der anderen Seite vom Gerät ein MENSCH sitzt. Würden all die Äußerungen auch in dieser Weise stattfinden, wenn die beiden Personen, also der Sender und der Empfänger sich in einem echten Raum gegenüber säßen? Ich steigere das: würden all die Äußerungen auch in dieser Weise stattfinden, wenn sie sich in einem Raum gegenübersäßen und wüssten, dass dies die letzte Stunde ihres Lebens ist? Oder wenn sie wüssten, dass nur der andere die Heilung für das eigene Leben oder das eines geliebten Menschen besäße? Oder wenn ihnen einer sagen würde, dass weder ihr Überleben noch ihre Glückseligkeit durch Rechthaben gesichert ist?

Laut des „Kleine-Welt-Phänomens“ von Stanley Milgram, das auf einer Analyse aus dem Jahr 1968 basiert, kennt jeder um 6-7 Ecken jede beliebige andere Person auf dieser Erde. Funfact: im Jahr 2016 wurde die Zahl durch eine Analyse auf Facebook korrigiert. Die Kette ist kürzer: wir sind nur noch durch durchschnittlich 3,57 Menschen von jeder beliebigen anderen Person auf der Erde getrennt.

Die Tastaturen kommen sich also näher - tun das die Menschen auch? Wie wäre unsere Kommunikation, wenn wir davon ausgingen, dass der grob servierte Senf unsere kollektiven Herausforderungen hier auf der Erde massiv verschärft anstatt sie zu lösen?

Ich bin wahrlich keine Friedenspredigerin. Aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass wir uns alle zusammen häufiger bewusst machen, wie unsere Kommunikation für die Person auf der anderen Seite von der Tastatur ist, bevor wir auf „senden“ oder „posten“ klicken. Das wovor wir alle im Leben insgeheim Angst haben, tritt dann vielleicht gar nicht ein. Oder ist gemeinsam leichter zu meistern, weil wir weniger gegeneinander antreten als für eine gemeinsame Lösung.

Now let me hear your Senf 😄

Love ❤️🌭

Patrizia 

Posted in Blog, Du und Dein Leben on 13. August 2020 by Patrizia Voigtländer

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