Januar 25

Homeschooling reloaded. Und täglich grüßt das Murmeltier? 

Mit frischem Schwung ins neue Jahr, in den neuen Lockdown, ins neue Homeschooling, das jetzt viel entlastender „Distanzunterricht“ heißt. Wir machen jetzt alles besser als im letzten Durchgang! Besser organisiert, besser digitalisiert, besser strukturiert, besser gelaunt! Und schon ab dem zweiten Tag hab ich den Kaffee auf, und die Stimmung sinkt bedrohlich, so insgesamt. „Mama, kannst Du mir das ausdrucken?“ „Mama, wie geht das?“ „Mama, was muss ich hier machen?“„Wie lange muss ich noch?“ „Kann ich das nicht nachher machen?“ Rein in mein Büro – raus aus meinem Büro – rein – raus. Ich gedanklich rein in meine Arbeit – raus aus meiner Arbeit. Und emotional ab auf die Palme. Wenn es dann eine halbe Stunde mal ruhig ist, werde ich allerdings auch nervös: Was machen die Beiden eigentlich grad? Wenn ich nicht ständig draufschaue, lässt die Arbeitsmoral zumindest bei der Kleinen (7 J.) schon mal nach... Dann wird gemalt oder Lego friends gebaut, und dazu läuft „Bibi und Tina“. Der Große (14 J.) arbeitet schon selbständig. Aber arbeitet er auch grad wirklich, oder daddelt er in seinem Zimmer? Wenn ja, wie lange schon? Besser mal gucken gehen und für Ordnung sorgen!

Merkt Ihr was?

Ich schon: Homeschooling „nebenbei“ und parallel zu meiner Schreibtischarbeit – eigentlich hatte ich schon im Frühjahr kapiert, dass das nicht funktioniert. Oder irgend etwas daran funktioniert nicht.

Aber was? Vielleicht muss ICH ja mal ins Schooling? Was ist denn eigentlich die Lektion, die ich nicht lernen will? 🤨

Lektion Nr. 1:
Die Kinder zum Funktionieren zu bringen funktioniert nicht.

Im Gegenteil! Je mehr sie funktionieren und NICHT stören sollen, damit ich ungestört meine Sachen erledigen kann, umso mehr Störungen ihrerseits gibt es. 🤪 Abgesehen mal davon, dass ich meinen eigenen Funktionsmodus ohnehin mal verlassen könnte - wieso will ich sie auf diese Reise eigentlich mitnehmen? 

Wenn ich das genauer betrachte, (zer)stören sie einen Modus, mit dem ich mir selbst schade. Vielleicht wäre es ja mal ganz erquickend, ihrer Lektion an mich zu folgen und das Funktionskorsett auszuziehen? Es scheint ja ganz offensichtlich mein Problem auf keiner Ebene zu lösen. 😅

Lektion Nr. 2:
Disziplin und Performance sind weder Glücks- noch Erfolgsgaranten.

Werden unsere Kinder glücklicher und erfolgreicher in ihrem späteren Leben, weil sie in diesem Corona-Jahr (und grundsätzlich immer) immer alles ordentlich abgeliefert haben? Lass mich kurz überlegen... äh nein. Wen interessiert das in 10 Jahren, ob Emilie sich beim "Geschichte schreiben" am 14. Januar 2021 sachgemäß fünf Sätze aus den Fingern gesogen hat? Wenn ich ehrlich bin, bewundere ich die Rebellion meiner Kinder insgeheim. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal heimlich Bibi & Tina, gehört statt meinen Pflichten nachzugehen?
Rock n‘Roll!

Lektion Nr. 3:
Mein Weg ist nicht ihr bester Weg.

Wahrscheinlich sind die Kinder sogar produktiver, wenn sie weniger kontrolliert werden und weniger meinen Vorstellungen davon folgen müssen, WIE sie Schule meistern. Wenn sie Schule und Lernen im Jahr 2021 anders gestalten und erfahren, als ich es kenne. Ich muss ihnen meinen Weg, den ich für gut befand, weil er mir meine Ergebnisse ermöglicht hat, nicht überstülpen. Wenn ihr Weg ist, die Erfahrung zu machen, dass heimliches Zocken zu schlechteren Noten führt - was daran ist eigentlich schlimm? Es gibt nicht den richtigen Weg, um zu reifen. Was ich aus meiner Arbeit als Coach weiß: Selbstbewusstsein entsteht nicht nur, weil alles immer erfolgreich läuft und man Bester ist. Phasen zu haben, in denen man Rückpässe erfährt, ist eine ebenso wichtige Erfahrung, vor der ich sie nicht bewahren muss und ohnehin nicht für immer bewahren kann.

Lektion 4:
Die Kinder sind aktuell genau so in der Lernzone wie ich.

Wir alle lernen gerade, mit Unwägbarkeiten umzugehen. Die einen schneller, die anderen – so wie ich – langsamer. Ade Kontrolle und gefühlte Sicherheit. Welcome Lernzone, wo neue Wege des Lernens und der Weiterentwicklung auf so vielen Ebenen möglich werden. Während ich das schreibe, stelle ich fest, wie gelassen und gefestigt die Kinder die aktuelle Situation schon erleben, obwohl sie für sie nicht weniger einschneidend ist als für mich. 

Lektion Nr. 5:
Weiterentwicklung ohne Lektionen ist Spielen mit Lernen

Ich hör jetzt auf, mich mit Lektionen zu unterrichten, und überlege mir ein neues Spielfeld, was ich mit meinen Kindern eröffnen werde. Und da fallen mir ganz neue Überlegungen ein, bei denen es weniger um Stoff geht, den man verinnerlicht, als um Haltung, Werte, Skills.

Denn worauf müssten unsere Kinder heutzutage eigentlich wirklich vorbereitet werden? Und wie können wir Eltern sie darin unterstützen?

Welche Haltung will ich einnehmen, die sie in Zeiten der Veränderung stärkt?

Welche Haltung ist nützlich, wenn die Veränderungen intensiver werden - was ihnen ja bevorstehen könnte?

Welche Werte will ich ihnen für ein Leben in einer möglicherweise lange andauernden Phase der Unwägbarkeiten vermitteln? Welche Skills?

Und worauf müsste ich am meisten vertrauen, weil ich sie durch diese Phasen nicht durchtragen kann und nicht will, weil es sie entmachten würde? 
Ich denke darauf, dass wir auch die kleinen Menschen als Gestalter ihres Lebens sehen und ihnen vertrauen, dass sie ihren Weg schon gehen werden. Selbst mit Erfahrungen hier und da, die ihnen (oder uns) vielleicht auch mal nicht gefallen.

Wenn wir ihnen erlauben, Fehler zu machen, ohne dass wir sie dafür verurteilen. Wenn wir ihnen zutrauen, sich auch wieder zu korrigieren. Wenn wir sie steuern und stoppen, wenn sie sich dauerhaft zu schaden drohen, statt sie täglich zu kontrollieren und anzutreiben. Wenn wir mit ihnen im Austausch darüber sind, womit sie ihr Leben eigentlich füllen wollen.

Dann erfahren sie sich als "Subjekte" im Kontakt mit anderen "Subjekten" und nicht als "Objekte", die funktionieren müssen. Dann entwickeln sie das innerliche Rüstzeug, eine innere Haltung, um mit Unwägbarkeiten und Herausforderungen in der Zukunft leichter umgehen zu können – statt sich ausgeliefert oder für vieles einfach nicht verantwortlich zu fühlen. Das hab ich jedenfalls in der Schule nicht gelernt!

Ich hab mir für unser HomeSchoolingOffice-Family-Spielfeld ein neues Ritual überlegt, das mich jeden Tag an dieses hier gerade selbstgegebene Versprechen erinnert: In manchen Schulen ziehen die Kinder ja die Straßenschuhe aus, um dann die Hausschuhe fürs Klassenzimmer anzuziehen. Wir werden ab jetzt morgens früh auf dem Weg ins Homeoffice und in die Homeschool die Stiefel des Funktionierens und der Kontrolle ausziehen und die Hausschuhe der Gelassenheit und des Vertrauens anziehen. Ist auch viel angenehmer. 😊

Machst Du mit?

Isabelle ✨

#homeschooling
#wassonstnochsopassiert
#lovepeaceandrocknroll
#alles lieben
#allesintegrieren
#comeasyouare
#diegruenewiese
#menschsein

Posted in Blog, Ihr beide mit euren Kindern on 25. Januar 2021 by Isabelle Grosalski

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  • #ich mache mit😉Du schreibst mir aus der Seele. Gerade heute habe ich mit meiner 12jährigen Tochter ein Gespräch gehabt und jeder von uns durfte sagen, was ihm gerade an der Situation miteinander im Homeschooling nicht gefällt. Das Ergebnis: Die Kinder wünschen sich Vertrauen..Mama ich schaff das schon, vertrau mir… oder glaubst du etwa ich möchte schlechte Noten?
    Und.. sie hat Recht..und deswegen mache ich mit..Kontrolle aus, Liebe und Vertrauen an❤️

  • die *grünen* Einfallswinkel *anderer* Perspektiven in der derzeitigen Situation zu entdecken und zu -gestalten, bereichert und stärkt 🙂 Mein Initial zu Perspektivwechsel im Alltag ist auch ein Satz unseres 17 Jährigen: „lass mich mal machen und lass Deine Wiederholungen“ (welche schriftlichen Aufgaben? wieviel Onlineunterricht heute?Könntest Du in der freien Zeit nicht Vokabeln lernen?Hast Du die Klausuren ab 14.2. im Blick?………:):) Schönen Tag Allen, ich mache mit.

  • Wie wunderbar, Isabelle: 🤸‍♂️🤸‍♀️Spielen mit Lernen🤸‍♀️🤸‍♂️
    Das wünsche ich allen Eltern, Kindern und Lehrern.💚💜❤

  • Danke liebe Isabelle, ❤️endlich spricht mal jemand von den Möglichkeiten, die für Kinder (und uns) in Corona liegen, statt nur darüber zu klagen. Mein fast 16 Jähriger hat sich sensationell das letzte Jahr geschlagen, hat seinen Notenschnitt erhöht und war (fast) täglich um 9 am Schreibtisch – von allein, einfach weil wir auch schon immer wach waren. Ja, er schien mir irgendwie viel zu früh fertig und ich musste kreativ werden mit Helden-Aufträgen, damit ich auch arbeiten kann. Ja, ich hab öfter nachgefragt, aber auch einfach mal losgelassen – sind ja nur Noten. Und ja – er durfte auch nächtelang zocken mit Chips und Cola, und sich erfahren, wie das ist, am nächsten morgen echt in den Seilen zu hängen. Und im Januar hat er beschlossen, dass `das Rumhängen echt reicht`- und er jetzt grosse Pläne hat. Adé Playstation, Adé social media. Zimmer umgestellt, denn er wird ja jetzt 16. Er hat Notenziele und Tennisziele und Fitnessziele und…. – geht doch, dachte ich mir erleichtert😎….weil ganz ehrlich, ich lass mich auch gerne von dem `Notendruck` anstecken😎. Und die Teens nehmen es einfach leichter, wenn wir sie lassen. Die meisten haben doch die Absicht für ein erfülltes Leben ❤️#lovepeaceandrocknroll

    • Liebe Justine! Tolle Erfahrung – für ihn und für Dich. Ja, die Kinder und Teens nehmen es oft leichter als wir. Da können wir viel von ihnen lernen.

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